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Der folgende Beitrag erscheint unter gleichem Titel in einer Publikation des Staatlichen Museums Schwerin, siehe: Marcel Duchamp, Cantz: Ostfildern, 2003 (bearbeitet von Gerhard Graulich, Kornelia von Berswordt-Wallrabe, Markus Dauss, Sabine Fett, Kornelia R�der, etc.

Von Readymades und "Asstricks"

Forschungsergebnisse des Art Science Research Laboratory
zu drei Werken Marcel Duchamps

von Thomas Girst


 


Das von der K�nstlerin Rhonda Roland Shearer und dem Harvardprofessor Stephen Jay Gould 1998 begr�ndete, gemeinn�tzige Art Science Research Laboratory (ASRL), New York, verf�gt �ber die weltweit gr�sste Privatsammlung der Werke Marcel Duchamps. Ausgehend von seinen Notizen und Interviews, Duchamps Lekt�re des franz�sischen Mathematikers Henri Poincar� (1)sowie von der Wissenschaftstheoretie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und �berlegungen zur vierten Dimension, versuchen Shearer und Gould unter anderem die Non-Existenz der meist nur noch auf alten Photographien erhaltenen, originalen Readymades als Massenprodukte nachzuweisen, (2) Objekte, die sich erheblich von den sp�teren, allgemein bekannten Editionen unterscheiden. (3) Neben den Werken Marcel Duchamps liegt daher der Ausstellungs- und Sammelschwerpunkt von ASRL bei der Pr�sentation (im Sinne einer pr�-musealen Wunderkammer) bzw. Archivierung von Firmen- und Versandhauskatalogen, Pissoirs, Kleiderhaken Schneeschaufeln, Vogelk�figen und vielen weiteren Gebrauchsgegenst�nden, sofern diese �hnlichkeit mit Duchamps Readymades aufweisen und in der Zeit ihrer Entstehung hergestellt wurden.

Ein rein kunsttheoretischer Ansatz wird dabei durch die� intensive Arbeit am Objekt erweitert, oft unter Miteinbeziehung von bzw. der Kollaboration mit u.a. Physikern, Mathematikern, Dermatologen und Ex-Fotospezialisten des CIA. Im ASRL arbeiten Kunsthistoriker Seite an Seite mit 3D-Graphikern und Webdesignern, die ihrerseits sowohl deren Ergebnisse graphisch umsetzen und online publizieren helfen als auch Duchamps Werke im Computer einer genauen Analyse unterziehen.

Seit Dezember 1999 erscheint mit ASRLs non-profit "Tout-Fait: The Marcel Duchamp Studies Online Journal"(www.toutfait.com) die erste interdisziplin�re Multimedia-Zeitschrift zu einem K�nstler der Moderne und seinem Umfeld. Neben Artikeln von international renommierten Kunsthistorikern und Duchampforschern sowie Studenten und K�nstlern werden schwer zug�ngliche Quellentexte ver�ffentlicht, bedeutende Sammlungen vorgestellt sowie auf aktuelle Ereignisse verwiesen. In den ersten vier Ausgaben publizierte "Tout-Fait" weit �ber 100 Beitrage, ausschliesslich Erstver�ffentlichungen und viele davon zweisprachig. Im folgenden werden neue Forschungsergebnisse zu drei in der Schweriner Sammlung befindlichen Werke Duchamps vorgestellt.

 

Kamm, 1916/1964

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Abb. 1
Marcel Duchamp, Kamm, 1916

"3 oder 4 H�hentropfen haben nichts zu tun mit der Wildheit � Feb. 17 1916 11 Uhr vormittags". (4) Die Inschrift auf dem R�cken des Kamms von 1916 (Abb. 1) gibt das genaue Datum und die Uhrzeit an, so wie es Duchamp in einer Notiz �ber die Readymades in der "Gr�nen Schachtel" von 1934 festgelegt hat. "Datum, Stunde, Minute, nat�rlich auf dem Readymade eintragen, als Information". (5) Was Duchamp hier beabsichtigt, ist "eine Art Rendezvous": Um jegliches �sthetische Urteil bei der Auswahl zu vermeiden, beabsichtigt er, die Readymades zu "pr�zisieren", indem er sie "vormerkt". Was� f�r ein Gegenstand auch immer sich "mit gen�gender Frist" (6) zur vorgegebenen Zeit in Duchamps N�he einfindet, wird zum Readymade erkl�rt und dementsprechend beschriftet.

Keine zwei Wochen zuvor, am 6. Februar 1916, schickt Duchamp einen wenig Sinn ergebenden, auf vier Postkarten getippten Schreibmaschinentext an das Sammlerehepaar Walter und Louise Arensberg. Auf der R�ckseite hat er den Titel vermerkt: "Rendezvous vom Sonntag 6. Februar 1916 um 1 Uhr � Nachmittags". "Kamm" wie "Rendezvous", in ihrer Entstehung nur elf Tage auseinanderliegend, scheinen sich penibel genau an Duchamps zwischen 1911-1915 entstandene Readymade-Notiz zu halten. Von den 100 Fragen, die Serge Stauffer von Z�rich aus am 24. Juli 1960 an Marcel Duchamp im spanischen Cadaques schickt, befasst sich Frage 39 mit dem Schreibmaschinentext f�r die Arensbergs. Stauffer muss davon ausgehen, dass es sich hier um ein Readymade handelt: "Auf welche Art haben Sie den Text f�r 'Rendezvous vom 6. Februar 1916' gefunden?" (7) Die Antwort Duchamps vom 6. August 1960 f�llt so knapp wie �berraschend aus: "Ich habe ihn nicht gefunden � sondern geflissentlich gemacht w�hrend mehrerer Wochen" (8) .

Dem gegen�ber wird Duchamps "Kamm" auch weit mehr als 80 Jahre nach seiner Entstehung als reines Readymade klassifiziert (9) , dass einzige, das im Original erhalten blieb und im Philadelphia Museum of Art ausgestellt ist. Dieser Ur-Kamm unterscheidet sich erheblich � wenn auch nicht auf den ersten Blick � von der Reproduktion aus dem Jahr 1964 (Abb. 2). Denn vergleicht man die Anzahl der Z�hne des Kamms von 1916 mit den im Rahmen der Readymade-Edition von Marcel Duchamp und dem Mail�nder Galeristen Arturo Schwarz entstandenen K�mmen, so stellt man fest, das ersterer �ber 55 bzw. 57 Z�hne verf�gt, die Edition dagegen nur �ber 53 bzw. 55 Z�hne (10) . "Die K�mme ordnen nach der Anzahl ihrer Z�hne" (11) , schrieb Marcel Duchamp in seinen 1934 publizierten Notizen in der "Gr�nen Schachtel". Auf weiteren, erst posthum ver�ffentlichten Zetteln, weist er in seinen Bemerkungen zum Inframince mehrmals auf die feinen Unterschiede von nur scheinbar identisch aussehenden Objekten hin, selbst dann, wenn diese aus der gleichen Gussform stammen (12) . Was der Stahlkamm von 1916 und die Edition von 1964 tats�chlich gemeinsam haben, das ist neben dem Material die Inschrift "Chas F. Bingler / 166 � 6th Ave. N.Y." sowie zwei zu den Aussenr�ndern parallel liegende Aussparungen auf der Breitseite des Objekts. Die beiden kreisrunden L�cher weisen das Readymade aber als Assisted Readymade bzw. Semi-Readymade aus, da es Teil eines gr�sseren Gebrauchsgegenstands gewesen sein muss. Entweder die L�cher dienten Schrauben, die den Kamm �ber eine Metallschiene an einem Holzgriff befestigten (13) (Abb. 3) oder sie waren f�r zwei d�nne Metallst�be vorgesehen, die ihrerseits zwischen drei und sechs gleichartige K�mme zusammenhielten und ebenfalls in einen Griff m�ndeten (Abb.4a und 4b). In beiden F�llen kann man kaum mehr von einem Hundekamm sprechen (14) . In den damaligen Warenhauskatalogen wurden diese Modelle unter "Cattle Comb" bzw. "Curry Comb" gef�hrt und in ihrer Nutzung ausschliesslich zum Striegeln von Pferden oder zum Ausk�mmen von Rinderfell angeboten.

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Abb. 2
Marcel Duchamp, Kamm, 1964
Abb. 3
Modell eines "Cattle Comb", aus: Hardware World, November 15, 1920, S. 184 (Detail)
Abb. 4A
Abb. 4B

Verschiedene Modelle eines "Curry Comb", aus: Wholesale Hardware and Associate Lines, New York, Nashville: H.G. Lipscomb & Company [Warenkatalog], 1913 [Achtung: fuer Abb. 4 ebf. ein Detail zur Auswahl]

Bez�glich der Inschrift des Kamms, "Chas F. Bingler / 166 � 6th Ave. N.Y.", l�sst sich feststellen, dass bis 1915 unter der angegebenen Adresse tats�chlich ein gleichnamiger Messerschmied ("Cutler") in Manhattan zu finden war, der uns ein Jahr sp�ter laut New Yorker Telefonbuch als Charles F. Bingler, "Cutler and Grinder, Importer and Manufacturer of Cutlery" wieder begegnet, mit nur leicht ver�nderter Adresse: 182, 6th Avenue. (15) Das Problem ist nur, dass Melvin J. Bingler, einziger Sohn von Chas F. Bingler, ganz und gar nicht davon ausgeht, dass das Gesch�ft seines Vaters jemals K�mme herstellen liess. (16) Bingler war vor allem f�r seine Rasiermesser bekannt (17) und stellte ausserdem Scheren, Messer und Schreinerwerkzeug her. Von Chas F. Bingler konnten Privatkunden zudem jederzeit Produkte individuell anfertigen lassen, was sich sowohl der �berschaubaren Gr�sse des Betriebes sowie der Tatsache, dass Produkte nie in allzu hoher Anzahl hergestellt wurden, verdankt.

James Joyce soll im Scherz �ber Duchamps "Kamm" gesagt haben, dass seine dicken Z�hne "Finnegans Wake", den hochkomplizierten Nachtroman des irischen Schriftstellers, zu entwirren verm�gen. (18) Die vielen Fragen, die der Kamm von 1916 bei genauerem Hinsehen aufwirft, k�nnen bei allen verbleibenden Ungereimtheiten zumindest determinieren, auf welche Weise und mit wieviel Vorsicht bei der Untersuchung weiterer Objekte aus Duchamp's Oeuvre vorgegangen werden sollte. (19) >>Next

 

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Notes

[1] Zu diesem Themenkomplex fand Ende 1999 ein von ASRL organisiertes, dreit�giges Symposium an der Harvard University statt, "Methods of Understanding in Art and Science: The Case of Marcel Duchamp and Henri Poincar�", 5.-7. November 1999.

[2] In Europa bleibt diese Hypyhese weniger umstritten als in den USA. Der Kunsthistoriker Thomas Zaunschirm meldete schon in seiner 1983-1986 erschienenen Buchtrilogie zu Duchamp Zweifel an (siehe v.a sein "Bereites M�dchen Readymade", Klagenfurt: Ritter, 1986) ."[D]ass es sich bei Duchamps Readymades um individ�ll geformte Objekte handelt", h�lt auch die deutsche Kunsthistorikerin Monika Wagner nach einem Besuch bei ASRL im Oktober 1999 durchaus "f�r m�glich" (siehe Monika Wagner, "Das Material der Kunst: Eine andere Geschichte der Moderne", M�nchen: C.H. Beck, 2001, S. 305, FN 38). Und f�r Jean Clair, den Duchampexperten und Direktor des Pariser Mus�e Picasso, war es Shearer, die mit ihrer Forschung seine ehemalige "Leidenschaft f�r Duchamp wieder neu entfacht hat" (pers�nliche Widmung in: Jean Clair, "Sur Marcel Duchamp et la Fin de l'Art", Paris: Gallimard, 2000, Archiv ASRL).

[3] Seit 1997 sind in der internationalen Presse eine grosse Anzahl von Artikeln �ber ASRL erschienen (u.a. in Artnews, New York Times, SZ-Magazin), sowie Dutzende Beitr�ge von Mitarbeitern des ASRL, u.a in Science, Nature und Science News. F�r eine bibliographische Auswahl der Titel, siehe <http://www.artscienceresearchlab.org/nav/articlesf.htm>

[4] Die �bersetzung aus dem Franz�sischen aus: Serge Stauffer, "Marcel Duchamp: Die Schriften", Z�rich: Theo Ruff, 1994 (1981), S. 191.

[5] Ibid., S. 100.

[6] Ibid.

[7] Ibid. S. 283.

[8] Ibid.

[9] "Ready made" ist der Titel, mit dem Duchamp den "Kamm" in seiner ab 1941 gefertigten "Schachtel-im-Koffer" benennt. Zum Teil auf Duchamps eigenen Klassifizierungen beruhend, unterscheidet Francis M. Naumann im Glossary zu seinem Buch "Marcel Duchamp: The Art of Making Art in the Age of Mechanical Reproduction" (Ludion/Abrams: Ghent/New York, 1999) zwischen insgesamt sechs Typen von Readymades: "assisted readymade, imitated rectified readymade, printed readymade, readymade (or ready-made), rectified readymade, semi-readymade" (S. 298-299).

[10] Die verschiedene Z�hlweise ergibt sich aus der M�glichkeit, die zwei breiteren, gebogenen Abschlusszapfen des Kamms am linken und rechten Ende den eigentlichen "Z�hnen" hinzuzurechnen oder nicht. So oder so, der Unterschied zwischen der Anzahl der Z�hne des Originalkamms und den K�mmen aus der sp�teren Edition (sowie dem signierten, von Ulf Linde 1963 f�r das Moderna Museet in Stockholm angefertigten Kamm) bleibt stets Zwei.

[11] Stauffer, "Schriften", S. 99.

[12] Siehe Notizen 18 und 35 in Paul Matisse (Hrsg.), "Marcel Duchamp, Notes", Centre Georges Pompidou, 1980, o. S. Notizen 1-46 fassen Duchamps Gedanken zum "Inframince" bzw "Infrad�nnen" zusammen und sind f�r eine Theorie der Readymades unerl�sslich.

[13] Siehe Kirk Varnedoe, Adam Gopnik (Hrsg.), "High & Low: Modern Culture and Popular Art", New York: Abrams, 1990, Ausst.-Kat. (The Museum of Modern Art), S. 274, Abb. 76.

[14] In einem Vortrag vom 24. November 1964 im City Art Museum of St. Louis, Missouri, spricht Duchamp ausdr�cklich von einem Hundekamm; siehe Stauffer, "Schriften", S. 243.

[15] Molly Nesbit und Naomi Sawelson-Gorse haben in ihrem Aufsatz "Concept of Nothing: New Notes by Marcel Duchamp and Walter Arensberg" (in: Martha Buskirk, Mignon Nixon (Hrsg.), "The Duchamp Effect: Essays, Interviews, Roundtable", MIT: October, 1996, S. 131-176) z�rst auf die historische Authentizit�t Chas F. Binglers hingewiesen (siehe v.a. die Fussnoten 44 und 45, S. 151, 152). Ich beziehe mich hier auf die Eintragungen im "New York City Directory 1915 (A-M)", NY:NYPL (Microfilm Zan G 67, reel 64), S. 332 sowie im "New York City Directory 1916 (A-M)", NY: NYPL (Microfilm Zan � 67, reel 68), S. 272.

[16] Diese und die folgenden Aussagen beruhen auf einem Telefongespr�ch mit Melvin J. Bingler (Getzville, New York), 7. April 2000.

[17] Die Sammlung des Art Science Research Laboratory, New York, verf�gt �ber ein Rasiermesser mit dem Aufdruck "Chas F. Bingler" (der Firmenname ist ebf. auf dem Etui vermerkt).

[18] Als Duchamp 1937 den Umschlag der Zeitschrift "Transition" (New York, Winter 1937, Nr. 26) mit einer Abbildung des "Kamms"� versah, hat Joyce sich laut seiner Verlegerin Sylvia Beach ihr gegen�ber dementsprechend� ge�ussert (vgl. Arturo Schwarz, "The Complete Works of Marcel Duchamp", New York: Delano Greenidge, 1999, S. 744).

[19] Nur in den ersten zwei Auflagen seines Werkverzeichnisses, "The Complete Works of Marcel Duchamp" (New York: Abrams, 1969, 1970), geht Arturo Schwarz in seiner Eintragung zum "Kamm" auf eine weitere Notiz Duchamps aus der "Gr�nen Schachtel" ein, die mit "Sept. 1915" unterschrieben ist und damit dem Bingler-Objekt nur f�nf Monate vorausgeht. In dieser Notiz erw�hnt Duchamp einen Kamm mit abgebrochenen Z�hnen, der die M�glichkeit birgt, als� "proportionale Kontrolle" (S. 461 [meine �bersetzung], von Stauffer aus dem Franz�sischen als "proportionale Leitung" �bersetzt; siehe "Schriften", S. 99) � und im folgenden paraphrasiert Schwarz den �brigen Teil der Notiz - "f�r andere Objekte bzw. als Ausgangspunkt f�r andere� Sch�pfungen" (S. 461 [meine �bersetzung] genutzt zu werden.

 

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