|
Es ist Robert
Lebel als grosse Weitsicht zuzuschreiben, dass er bereits 1959 in
seinen Werkkatalog zu Duchamp die drei in den 1940er Jahren unter
Leitung von Duchamp entstandenen Schaufenster aufnahm .
Ein viertes entstand 1960--ganz passend--anlässlich der Veröffentlichung
von Lebels Monographie. Gleichwohl steht eine ausführliche Auseinandersetzung,
wie sie vielen anderen vermeintlich marginalen Werken Marcel Duchamps
besonders seit den 1990er Jahren zuteil geworden ist, bezüglich dieser
Arbeiten noch am Anfang .
Ein Blick auf die stetig wachsende Duchamp-Literatur lässt vermuten,
dass dieser Zustand nicht sehr viel länger anhalten wird. In den folgenden
Ausführungen wird versucht, anhand einiger speziell auf Schaufenster
bezogener Aussagen Duchamps selbst und anhand der Analyse der insgesamt
vier Schaufenster, die unter Anleitung Duchamps entstanden sind, ein
genaueres Verständnis davon zu erlangen, warum sich dieser oftmals
in der Kunstgeschichtsschreibung als elitär verstandene Künstler einem
scheinbar so profanen Medium widmete.
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 |
| Abb.
1 |
| D.F.:
Konfisserie E. Gamelin, Rouen, Rd., ca. 1900, Bibliothèque Municipal
Rouen. Aus: Ausst.-Kat. Joseph Cornell/ Marcel Duchamp .
. . in Resonance. Philadelphia Museum of Art, Ostfildern
1998, S. 250, Nr. 147. |
|
Abb.
2 |
Duchamp,
Marcel: La Mariée Mise à Nu Par Ses Célibataires, Même
(Das Grosse Glas), 1915-23, Öl, Blei, Folie, Bleidraht
und Staub zwischen zwei Glasscheiben, 277,5x175,8cm (inkl.),
Philadelphia Museum of Art, Katherine S. Dreier Bequest, 1953,
S. 361. Aus: Arturo Schwarz, The Complete Works of Marcel
Duchamp (3. überarb. und erw. Aufl.), New York 2000, S.
361. |
Als erste fruchtbare
Periode in Duchamps Werk werden allgemein die Jahre 1911 bis 1913
angesehen. Damals entstanden die letzten Gemälde, die ersten Ideen
zum Grossen Glas und eine Reihe Notizen, die teilweise
erst in Bezug auf spätere Werke Bedeutung erlangen würden. Für das
Jahr 1913 ist überliefert, Duchamp sei bei einem Spaziergang durch
Rouen beim Blick in das Schaufenster des Konfektionärs Gamelin auf
eine Schokoladenmühle aufmerksam geworden. Das Schaufenster ist in
einem Stich überliefert (Abb. 1) .
Rückblickend sagte Duchamp von der Entdeckung der Schokoladenmühle:
"Das war tatsächlich ein sehr wichtiger Moment in meinem Leben.
Ich musste damals grundlegende Entscheidungen treffen" .
Mit dem Motiv der Schokoladenmühle verband Duchamp seine stilistische
Loslösung vom Kubismus und eine Hinwendung zu "architektonischer,
trockener Ausführung", einer Methode, die Hand-Schrift des Künstlers
ausschliessen sollte .
Vielleicht war dies der Moment, als Duchamp beschloss, er wolle lieber
"Fenstermacher" (Fenêtrier) als Maler sein .
Die Begegnung mit der Schokoladenmühle im Schaufenster war darüber
hinaus von Bedeutung für den Künstler, weil sie ihn veranlasste, dieses
Gerät als ein zentrales Motiv in sein erstes Hauptwerk, das Grosse
Glas (1915-23), aufzunehmen (Abb. 2). Dort erhielt die
Schokoladenmühle den Platz in der Mitte der unteren Scheibe neben
den Junggesellen. In gewisser Weise ist sie also zurück in ein Schau-Fenster
überführt worden, nachdem Duchamp sie zunächst aus dem Geschäftskontext
gelöst hatte. In ihrer immer noch lesenswerten Analyse von Etant
Donnés (1946-1966), Duchamps zweitem Hauptwerk, hatten bereits
1969 Anne d'Harnoncourt und Walter Hopps bemerkt:
Duchamps
erstes Fenster ist sein bestes: Das Grosse Glas ist weniger
ein Bild als ein enormes Fenster, das auf den ständigen Fluss von
Leben rundherum blickt. Umgekehrt kann man sich die Motive (images),
die eingeritzt oder auf die Oberfläche geklebt sind, vorstellen als
Projektionen von Gegenständen in einem zugegeben ungewöhnlichen Schaufensterraum
dahinter. Aufgrund des sich ständig verändernden Umraums der Vorbeigehenden,
die begleitet werden von ihren Hoffnungen, Ängsten, Wünschen, erschafft
das Glas ständig von neuem eine brillante Synthese der 'Aussenwelt'
und der Innenwelt der Imagination .
Die Geschichte
des Motivs der Schokoladenmühle unterstreicht die Deutung des Grossen
Glases als Schaufenster, als Projektionsfläche von Waren und Gegenständen
'dahinter'
Duchamp selbst trug den kommerziellen Zusammenhang an die Schokoladenmühle
wieder heran, indem er in seinen dem Glas zugesellten Notizen,
der Grünen Schachtel, Bezug auf sie nahm. Dort sprach er zunächst
die erotischen Aspekte an, die mit dem Rotieren und dem Genussmittel
verbunden waren ("der Junggeselle zerreibt seine Schokolade selber").
Sowohl dem Mechanismus der Mühle, als auch der Betrachtung von Schaufensterauslagen
wird damit eine mögliche auto-erotische Dimension zugeschrieben. Zudem
beschreibt Duchamp die Mühle auch als Ware: "kommerzielle Formel,
Fabrikmarke, kommerzielles Schlagwort wie eine Reklame auf ein kleines,
bunt gefärbtes Glanzpapier geschrieben (ma ausführen lassen
in einer Druckerei) xxx dieses Papier auf den Artikel 'Schokoladenmühle'
geklebt"
Folglich überführte er die Mühle selbst in den Warenstatus
(Article), wohingegen sie in dem Schaufenster des Konfektionärs noch
das Produktionsmittel für die Ware gewesen war. Es ist Ausdruck
der in Duchamps Werk häufig sichtbaren Ironie, dass es merkwürdigerweise
die Übernahme des Motivs in das Kunstwerk war (nicht
etwa seine im ersten Schritt erfolgte Isolation aus dem kommerziellen
Zusammenhang), die diese Transformation der Schokoladenmühle
bewirkte.
Auf das Jahr
der Entstehung von Zeichnung und Gemälde zur Schokoladenmühle, 1913,
hat Duchamp auch eine Notiz datiert, die Bezug nahm auf Schaufenster
und etwas mehr über die Vorstellungen verrät, die Duchamp damit verband:
Die
Frage der Schaufenster.
Das Verhör
der Schaufenster über sich ergehen lassen.
Die Forderung des Schaufensters.
Das Schaufenster, Beweis der Existenz der äusseren Welt.
Wenn man
das Verhör der Schaufenster über sich ergehen lässt, spricht man auch
seine eigenes Urteil Verurteilung aus. Die Wahl ist
tatsächlich hin und zurück. Aus dem Verlangen der Schaufenster, aus
der unvermeidlichen Antwort auf die Schaufenster, beschliesst sich
die Fixierung der Wahl. Keine Versessenheit ad absurdum, den Koitus
durch eine Glasscheibe hindurch mit einem oder mehreren Objekten des
Schaufensters verbergen zu wollen. Die Strafe besteht darin, die Scheibe
zu durchschneiden und darüber Gewissensbisse zu haben, sobald die
Besitznahme erfolgt ist. q.e.d.
Diese Stelle
wird in der Literatur zu Duchamp häufig zitiert, meist jedoch metaphorisch
ausgedeutet oder auf das Grosse Glas bezogen .
Eine kurze Besprechung des Textes für sich genommen scheint daher
sinnvoll, um etwas über Duchamps frühe Haltung zu Schaufenstern herauszufinden.
Die Metaphorik
des Textes war--das ist bisher unbemerkt geblieben--die einer Gerichtsverhandlung.
Der Passant vor dem Schaufenster wurde nicht als passiver Beobachter
beschrieben, sondern zugleich als Angeklagter, Anwalt, Richter und
Verurteilter in einem juristischen Verfahren. Er wurde ins Verhör
genommen, musste Beweise liefern, seine eigene Verurteilung aussprechen,
eine Strafe auf sich nehmen. Das Schaufenster war zugleich Ankläger
(Verhör), Beweismaterial (äussere Welt), Anlass des Verbrechens (Verlangen),
Opfer (Koitus durch eine Glasscheibe) und Strafmittel (Gewissensbisse).
Die Art des Vergehens schien sexueller Art zu sein, zugleich im Geschlechtsakt
mit den Waren sowie in der Exhibition desselben zu bestehen. Das Schaufenster
befreite den Passanten von der Pflicht, den Geschlechtsakt verbergen
zu müssen. Es lud ihn zu offenem Verkehr ein, forderte ihn geradezu
zu gewaltsamem Eindringen auf. Das Gesetz, auf den dieser Prozess
sich stützte, so muss der Leser schliessen, deutete sich in einer
Moral an, die unterschwellig mitschwang, die aber gerade durch den
ersten Satz explizit "in Frage" gestellt wurde, und im letzten
(quod erat demonstrandum) nach einer noch ausstehenden Begründung
verlangte. Die Frage, die Schaufenster für Duchamp aufwarfen, lautete,
wie diese Moral zu rechtfertigen sei, die Sexualität und auch das
"Lecken an den Schaufenstern" (lécher les vitrines, so der
französische Ausdruck für 'Schaufensterbummeln') zum Vergehen machte.
Konnte die Begierde, die durch eine erotisch aufgeladene Ausstellung
beim Betrachter ausgelöst wird--sei es im Schaufenster, sei es durch
eine attraktive Frau, oder womöglich auch durch Kunst - verurteilt
werden? Gerade die Ubiquität dieser Phänomene macht eine abfällige
Moral fast absurd. Wenn Duchamp das Schaufenster als Metapher für
erotisches Begehren verwendete, so betonte er damit die Allgegenwärtigkeit
dieses Affekts: Er kann durch jeden Menschen und jedes Objekt hervorgerufen
werden.
Eine Übertragung
von Duchamps Szenario auf das Konsumverhalten angesichts von Warenauslagen
liegt nahe. Herbert Molderings hat diesen Aspekt durch Analogie zu
Walter Benjamin zugespitzt so formuliert: "Auch Duchamp sprach
nicht zu den Waren, aber die Waren hatten begonnen, zu ihm zu sprechen"
(12).
In Duchamps Text wird der Passant angesichts der Waren hinter der
Scheibe von dem Verlangen überfallen, diese zu besitzen und zu erwerben.
Kaum hat der den Kauf-Akt vollzogen, überkommt ihn Reue. Doch selbst
soweit diese Auslegung in Duchamps Sinn gewesen sein mag, unterliegt
auch sie seinen Bedenken gegenüber landläufigen Moralvorstellungen.
Duchamp war kein Moralist. Seine eigene Skepsis äusserte er nicht
als Anklage, sondern wie in dem Schaufenster-Text von 1913 durch subtiles
Infragestellen. Die Beispiele der von ihm gestalteten oder mitgestalteten
Schaufenster belegen, dass seine Sichtweise auf Schaufenster sich
nicht auf die Fragen nach Schuld, Verführung, Sühne beschränkte (Fragen,
die sowohl auf Sexualität als auch auf Konsum angewendet werden können).
Die 'Befragung der Schaufenster' durch Duchamp gestaltete sich vielschichtiger.
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 |
| Abb.
3 |
| Duchamp,
Marcel: Tür für Galerie "Gradiva", 1937, Paris, Photographie.
Aus: October, Jg. 69, 1994, S. 122. |
|
Abb.
4 |
Duchamp,
Marcel: Tür für Galerie "Gradiva", 1937, Paris, Photographie.
Aus: Arturo Schwarz, The Complete Works of Marcel Duchamp
(3. überarb. und erw. Aufl.), New York 2000, Nr. 455, S. 743a. |
Eine erste Berührung
mit der Gestaltung einer Ladenfront hatte Duchamp noch in Paris gehabt.
Bei dem 1937 erteilten Auftrag für die Tür von Bretons Galerie Gradiva
handelte es sich, wie bei allen späteren Schaufensteraufträgen, um
einen Freundschaftsdienst Duchamps. Dies bedeutete jedoch keineswegs,
dass er den Wünschen oder Vorstellungen seiner Freunde entsprach,
auch wenn er ihnen auf den ersten Blick oftmals entgegenkam. Die Tür
für die Galerie Gradiva wies diese künstlerische Autonomie auf, die
Duchamp sich nicht nur für die 'wichtigen' Werke vorbehielt. Photographien
der Tür zeigen eine Öffnung in Form einer Silhouette zweier eng zusammenstehender
Personen (Abb. 3 und 4). Antje von Graevenitz hat diese Öffnung
als Initiations-Passage gedeutet, mit der Besucher den Heilungsprozess
von Jensens Protagonisten nachvollziehen solle .
Breton selbst schrieb in Bezug auf den Namen 'Gradiva', er bedeute
auch die, welche "die Schönheit von morgen [sehe], welche den
meisten Menschen noch verborgen" bliebe .
Das Eintreten in die Galerie, in der natürlich Kunst von Surrealisten
ausgestellt war, sollte nach Bretons Vorstellung den Besucher dieser
Schönheit näher bringen und - wie in Jensens Geschichte - einen Beitrag
zum Aufdecken des seelisch Verborgenen beim Betrachter leisten.
Es gibt einige
formale Hinweise, dass Duchamp mit seiner Tür andere Absichten verfolgte.
Die in die Scheibe geschnittene Silhouette deutet zwei Personen an,
wobei die grössere die kleinere zu dominieren, fast zu erdrücken scheint.
Die beiden sind sehr nah aneinander gerückt, wobei es so aussieht,
als lege die grössere der kleineren einen Arm um die Schulter und
schaue die kleinere Figur an, die den Kopf etwas wegneigt .
Wenn es sich hier also um ein Liebespaar handelte, dann stand das
ungleiche Machtverhältnis ganz eindeutig im Vordergrund, und die Nähe
der beiden, die in der Literatur (und vermutlich von Breton selbst)
oft als Innigkeit gedeutet worden ist, war bei Duchamp eher eine Betonung
dieses Missverhältnisses. Duchamp unterlief damit Bretons romantische
Interpretation (ohne ihm offen zu widersprechen) und blieb zugleich
näher an der Geschichte Jensens, denn hier unterwarf der Protagonist
die geliebte Frau seinen Vorstellungen, liess sie zu einem Kunstobjekt
(dem Relief) werden. Polemisch könnte man behaupten, gleiches geschehe
in einer Galerie mit Kunst. Sie wird einem Massstab ausserhalb ihrer
selbst, dem kommerziellen, unterworfen; sie wird die Gradiva im Sinne
Duchamps: eine Ware. So gesehen war diese Tür als Warnung Duchamps
an die Besucher zu verstehen, nicht die Sache selbst zu übersehen,
nicht die Kunstwerke mit ihrem Warenwert zu verwechseln.
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 |
| Abb.
5 |
| Duchamp,
Marcel: Schaufenster für La Part du Diable von Denis
de Rougemont, 3. Februar 1943, Brentano's, Fifth Avenue New
York, Photographie. Aus: Arturo Schwarz, The Complete Works
of Marcel Duchamp (3. überarb. und erw. Aufl.), New York
2000, Nr. 489, S. 768. |
1943 übernahm
der 'Fenstermacher' Duchamp in New York einen Auftrag für eine Schaufensterauslage
(Abb. 5). Auch diesmal handelte es sich um einen Gefallen für
einen Freund. Die von den Surrealisten bewunderte Schrift Der Anteil
des Teufels von Denis de Rougemont war 1942 bei Brentano's aufgelegt
worden und sollte nun in einem Schaufenster der Filiale an der Fifth
Avenue ausgestellt werden. Da Rougemont selbst keine Idee für die
Auslage hatte, wandte er sich an Breton, der vorschlug, Duchamp zu
konsultieren. Wie aus dem Tagebuch von Rougemont hervorgeht, riet
dieser, "die Decke aus offenen, an den Griffen herabhängenden
Regenschirmen zu machen" .
Auf der Photographie sind die Regenschirme allerdings nicht zu sehen.
Duchamp vergrösserte das von seinen Freunden geäusserte Unverständnis
dieser Idee dadurch, dass er kryptisch hinzufügte: "Die Frauen
werden es verstehen" .
Die Idee mit den Regenschirmen unter der Decke war Duchamp bereits
früher gekommen. Er hatte sie für die Surrealisten-Retrospektive 1938
in Paris verwenden wollen anstelle der Kohlesäcke, die dann tatsächlich
zum Einsatz kamen. Regenschirme waren nach dem Bericht von Henri-Pierre
Roché angesichts der schwierigen Wirtschaftslage damals nicht aufzutreiben
gewesen .
Duchamp scheint jedoch bereits in Paris aus seiner Idee kein Geheimnis
gemacht zu haben, denn Salvador Dalí benutzte im folgenden Jahr Regenschirme
in dieser Weise in seinem Pavillon Dream of Venus auf der New
Yorker Weltausstellung .
Hatte Duchamp folglich gemeint, die modebewussten New Yorker Frauen,
die 1939 in Scharen zu Dalís Pavillon geströmt waren, um das Werk
des surrealistischen Modepapstes zu bewundern, würden sich daran erinnern
können? So sie es taten, musste ihnen Duchamp als Plagiator von Dalís
Idee erscheinen - eine ironische Verkehrung der tatsächlichen Schuldigkeiten.
Für den Hintergrund
des Schaufensters für Rougemonts Buch zeichnete Kurt Seligmann verantwortlich,
der neben okkult anmutenden Graffiti auch die Tarotkarte XV abbildete,
die ausser dem Bezug auf das Buch auch als Vorbote eines späteren
Schaufensters (Lazy Hardware) gesehen werden kann, das
ebenfalls unter der Ägide von Duchamp entstand. Ansonsten befanden
sich noch zahlreiche exotische Skulpturen in der Auslage, die zwischen
die ausgelegten Bücher gestellt waren. Mag sein, dass Breton die Abb.n
in seinem New Yorker Lieblingsgeschäft, bei dem Antiquitätenhändler
Julius Carlebach, entliehen hatte .
Die Auslage zog trotz ihrer Exotik keine grössere Aufmerksamkeit auf
sich .
Keines der vier Schaufenster, an deren Erstellung Duchamp Teil hatte,
fand in der Presse Erwähnung, obwohl es zumindest einmal zu einem
kleinen Skandal kam.
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 |
| Abb.
6 |
| Duchamp,
Marcel: Lazy Hardware, Schaufenster für André Bretons
Arcane 17, 19.-26. April 1945, Gotham Bookmart, E. 57th
St. New York, Photographie (Maya Deren), Philadelphia Museum
of Art, Marcel Duchamp Archive. Aus: Ausst.-Kat. Joseph Cornell/
Marcel Duchamp . . . in Resonance. Philadelphia Museum of
Art, Ostfildern 1998, S. 250, n. 148. |
Dieser entzündete
sich an dem berühmtesten der Schaufenster, an deren Gestaltung Duchamp
beteiligt war. Dasselbe Buchgeschäft wie zuvor, Brentano's an der
Fifth Avenue, ermöglichte 1945 eine Auslage für die Buchpräsentation
von Bretons Schrift Arkanum 17. Das Geschäft sah sich jedoch
aufgrund von (in der Überlieferung nicht spezifizierten) Protesten
der Women's League bereits am ersten Tag der Installation gezwungen,
die Auslage wieder zu entfernen, woraufhin sie in den Gotham Bookmart
in eine nahe gelegene Querstrasse verlegt werden musste (Abb. 6)
.
Die Auslage, wie sie uns aus Photographien an ihrem zweiten Standort
bekannt geworden ist, bestand aus verschiedenen Beiträgen. Duchamp
hatte eine kopflose Schaufensterpuppe beigesteuert, die einen Wasserhahn
am Bein hatte und in eine knappe Schürze gekleidet war. Auf einem
Etikett wurde dies als Lazy Hardware (Träge Eisenwaren) betitelt.
Von Duchamp stammte auch eine Flasche, die zuvor schon als Motiv für
eine Titelseite der Surrealisten-Zeitschrift View gedient hatte
(Abb. 7). Der von Breton und Duchamp hochgeschätzte junge Maler
Roberto Matta Echaurren hatte ein surrealistisches Plakat mit dem
Schriftzeile "arcane 17" angefertigt (Abb. 8). Matta
hatte zudem für Bretons Buch vier Tarotkarten entworfen, die im Schaufenster
präsentiert wurden, indem mehrere Exemplare des Buches an den entsprechenden
Stellen aufgeschlagen wurden (Abb. 9). Schliesslich wurde das
Cover des Buches samt eines Portraits des Autors sowie einer Schreibfeder
in einem seesternförmigen Tintenfass zu Füssen des Mannequins gezeigt.
Das Schaufenster ist in mindestens vier verschiedenen Aufnahmen festgehalten
worden, von Duchamp bei der Arbeit an dem Mannequin gibt es eine (Abb.
10, 11-12) .
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 |
| Abb.
7
Duchamp, Marcel: Titelseite für View, März 1945.
Aus: Charles Henri Ford (Hg.), View. Parade of the Avant-Garde.
An Anthology of View Magazine (1940-47), New York 1992,
o.S. |
Abb.
8
Matta Echaurren, Roberto: Tarotkarte 17, 1944, weitere
Angaben unbekannt. Aus: André Breton, Arkanum 17 (franz.
Erstveröff. 1994), München 1993, S. [6]. |
Abb.
9
Matta Echaurren, Roberto: Schaufensterplakat Arcane 17,
1944, im Besitz des Künstlers, weitere Angaben unbekannt. Aus:
André Breton, Arkanum 17 (franz. Erstveröff. 1994), München
1993, S. [ 2]. |
|
|
 |
Abb.
10
Duchamp, Marcel: Lazy Hardware, Schaufenster für
André Bretons Arcane 17 (mit Spiegelung Bretons), 19.-26.
April 1945, Gotham Bookmart, E. 57th St. New York,
Photographie. Aus: Arturo Schwarz, The Complete Works of
Marcel Duchamp (3. überarb. und erw. Aufl.), New York 2000,
S. 781. |
Abb.
11
Duchamp, Marcel: Lazy Hardware, Schaufenster für
André Bretons Arcane 17 (mit Spiegelung Bretons), 19.-26.
April 1945, Gotham Bookmart, E. 57th St. New York,
Photographie. Aus: Arturo Schwarz, The Complete Works of
Marcel Duchamp (3. überarb. und erw. Aufl.), New York 2000,
S. 414. |
Abb.
12
Duchamp, Marcel: Lazy Hardware, Schaufenster für
André Bretons Arcane 17 (mit Spiegelung Bretons und Duchamps,
zensierende Schürze), 19.-26. April 1945, Gotham Bookmart, E.
57th St. New York, Photographie. Aus: Ausst.-Kat.
Marcel Duchamp, Anne d'Harnoncourt und Kynaston McShine
(Neuaufl. der Ausg. von 1973), Philadelphia 1989, S. 137. |
| |
In kunsthistorischen
Schriften, in denen Duchamps Schaufenster-Projekte erwähnt werden,
ist zumeist nur von der Auslage für Arkanum 17 die Rede. Das
mag zum einen daran liegen, dass bereits sehr früh in der seit 1973
ausufernden Duchamp-Literatur, nämlich schon 1977, ein ausführlicher
und gedankenreicher Artikel von Charles Stuckey erschienen ist, der
sich mit Duchamps Beitrag zu diesem Schaufenster, der kopflosen Schaufensterpuppe,
beschäftigte. Der Artikel ist zudem interessant, weil er das schwierige
Verhältnis von Kunsthistorikern zum Medium Schaufenster eindrücklich
widerspiegelt. Daher seien hier einige Bemerkungen zur Historiographie
dieses Schaufensters erlaubt.
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 |
| Abb.
13 |
| Duchamp,
Marcel: Lazy Hardware, Schaufenster für André Bretons
Arcane 17 (Duchamp beim Aufbau), 19.-26. April 1945,
Gotham Bookmart, E. 57th St. New York, Photographie.
Aus: Arturo Schwarz, The Complete Works of Marcel Duchamp
(3. überarb. und erw. Aufl.), New York 2000, S. 781. |
Stuckey zog kunsthistorische
Vergleiche für das Mannequin heran und versuchte, es in Duchamps Oeuvre
einzuordnen. Obwohl er mit einer Vielzahl mehr oder weniger plausibler
Bezüge aufwarten konnte, fühlte er sich verpflichtet, seinen Ansatz
zu rechtfertigen: "Vielleicht ist es widersinnig, ein solch kurzlebiges
Werk wie Lazy Hardware zu untersuchen, das nur der Versuch
war, das Buch eines Freundes anzupreisen" .
Seine eigenen Zweifel beseitigte er indes mit dem Hinweis, viele andere
Künstler hätten ebenfalls in Schaufenstern gearbeitet. 25 Jahre nach
Stuckeys Artikel ist der Verweis auf dieses Schaufenster zu einer
Pflichtübung im immer aufwendigeren Parcours der Duchamp-Forschung
geworden. In eines seiner Überblickswerke nahm kürzlich Hans Belting
eine Photographie der Auslage auf; bei einer Buchvorstellung deutete
er sogar an, dieses Schaufenster enthalte alle wichtigen Ideen des
Grossen Glases .
Die feministische Forschung stand nicht an, Lacan und seine Theorie
des Spiegelstadiums an einer Photographie abzuhandeln, in der Duchamp
und Breton sich in der Scheibe dieser Auslage spiegeln, um daran die
Ermahnung auszusprechen, dass erst wir als Betrachter mit unserem
"'begehrenden' Blick" etwas hervorbringen, was keineswegs
Duchamp selbst, sondern nur ein Spiegelbild seiner selbst sei (Abb.
13) .
Es ist somit ein Paradox in der Forschung entstanden, das darin besteht,
dass Kunsthistoriker die Auslage an sich und zugleich die Photographien
immer häufiger erwähnen, aber scheinbar immer seltener betrachten.
Um dieser Regression zuvorzukommen, soll daher hier noch einmal ein
Blick auf die Auslage geworfen werden.
Zunächst müssen
jedoch einige der Erkenntnisse Stuckeys zu Lazy Hardware erwähnt
werden. Er beschränkte sich ganz auf das Mannequin und liess Mattas
Beiträge zum Schaufenster beiseite. Die Kopflosigkeit der Puppe führte
er auf eine Anlehnung an Max Ernsts Figur aus dem Collage-Roman La
Femme 100 Têtes (1930) zurück. Dieser Bezug scheint weniger aufgrund
von formalen Parallelen, als vielmehr für das im Titel enthaltene
Wortspiel relevant zu sein. Werner Spies hat immerhin vier Lesarten
aufgezeigt .
Eine Behauptung, die sich schwerlich aufrecht erhalten lässt, die
aber dennoch fasziniert, erläuterte Stuckey anhand der Rekonstruktion
der ersten Aufstellung des Mannequins. Er behauptete, es habe bei
Brentano's niedriger gestanden, so dass etwaige Spiegelungen der Betrachter
nicht im Bereich der Scham der Puppe, sondern auf Kopfhöhe erfolgt
seien. Die wechselnden Betrachter hätten diese Frau über den Tag hinweg
tatsächlich zu einer Frau mit hundert Köpfen gemacht. Stuckey stellte
zudem erstmals den Bezug zu Duchamps oben bereits erwähntem Text zum
Schaufenster von 1913 her und beschrieb "die aktive Rolle, die
Duchamp dem Fenster zuschreibt" als das Bemerkenswerte daran
.
Hieraus erklärt sich, warum für Stuckey der Bezug zu Ernst so wichtig
war. Da jedoch die Puppe lebensgross war, hätte sie bei Brentano's
auf Höhe des Gehwegs stehen müssen, um die vermeintliche Spiegelung
zu bewirken. Das war nach Stuckeys eigenen Angaben nicht der Fall,
und wird auch durch die Photographie eines Schaufensters des gleichen
Jahres für Brentano's widerlegt, das in etwa der gleichen Höhe wie
das vom Gotham Bookmart ansetzt .
Drei der erhaltenen Photographien spielten freilich mit Spiegelung,
indem sie Duchamp und Breton, beziehungsweise Breton allein neben
die Schaufensterpuppe projizierten. Wohl dadurch kam Stuckey auf den
Gedanken, dass die hell angestrahlte Schürze, die einzige Bekleidung
der Puppe war, am zweiten Standort eine Reflektion ausschloss und
den direkt davor stehenden Betrachter quasi der Spiegelung seines
Kopfes beraubt habe. In Analogie zu Ernsts "Frau ohne Kopf"
(Femme Sans Tête) hätte da nun ein Betrachter ohne Kopf gestanden,
und dieses Wechselspiel nannte Stuckey mit Duchamp "den Koitus
durch eine Glasscheibe hindurch". Die Frage, warum Duchamp den
Betrachter hätte enthaupten wollen, bleibt allerdings ungeklärt.
Für den Wasserhahn,
den Duchamp am rechten Oberschenkel des Mannequins angebracht hatte,
verwies Stuckey zu Recht auf Duchamps Spruch: "Von unseren Artikeln
an träger Eisenware empfehlen wir einen Wasserhahn, der zu tropfen
aufhört, wenn man ihm nicht mehr zuhört" .
Offensichtlich hörte niemand mehr zu, denn dieser Wasserhahn tropfte
nicht .
Stuckey ist einer der ersten, die den Wasserhahn in der Literatur
phallisch gedeutet haben .
Craig Adcock hat diese Lesart zum Anlass genommen, gleich von einer
Geschlechtsumwandlung der Puppe in Analogie zu Duchamps Spiel mit
seinem weiblichen Alter Ego Rrose Sélavy zu sprechen .
Duchamp selbst hat den Ausspruch vom tropfenden Wasserhahn 1964 in
einer Radierung seines Brunnens untergebracht, und damit indirekt
eine Verbindung zwischen dem Schaufenster mit Lazy Hardware
und dem mit Badezimmerausstattung der Firma Mutt aufgezeigt .
"Er ist ein Zubehör, das man jeden Tag in den Schaufenstern von
Klempnern sehen kann", hatte Duchamp von dem Brunnen gesagt
.
Mit Lazy Hardware veranschaulichte er diese Behauptung für
den Wasserhahn, dehnte sie - nicht ohne Witz - auf das Schaufenster
eines Büchergeschäfts aus.
Stuckey versuchte
sich verdienstvoller Weise auch daran, Parallelen zwischen Duchamps
Mannequin und Bretons Buch Arkanum 17 aufzuzeigen, wobei er
einen Aspekt daraus hervorhob: die Polarität von Mann und Frau. Nach
Stuckey ersetzte Duchamp diese Vorgabe von Breton bei Lazy Hardware
durch die Polarität von Betrachter und Betrachtetem. Diese Auslegung
beruht jedoch auf einem etwas wackeligem Verständnis von Bretons Schrift.
Eine genaue Lektüre von Bretons Roman soll im folgenden den für Lazy
Hardware wichtigen Aspekt des Geschlechterverhältnisses klären.
Breton hatte das Buch im August 1944 während eines Urlaubs mit seiner
zukünftigen Frau Elisa Caro in Kanada begonnen und kurz nach seiner
Rückkehr beendet, so dass bereits zu Weihnachten 1944 eine De-Luxe
Ausgabe mit farbigen Reproduktionen von Mattas Tarotkarten erscheinen
konnte .
Der Titel des Buches bezog sich auf die Tarotkarte mit der Nummer
17, die Breton einer literarisch-politisch gefärbten Deutung unterzog.
Besondere Bedeutung schrieb er dem grössten auf der Karte abgebildeten
Stern zu: "Der hier wiedergefundene Stern ist der des grossen
Tagesanbruchs, jener, der danach strebte, die anderen Gestirne im
Fenster zu überstrahlen" .
Mit dem Tagesanbruch waren, so geht aus dem Buch hervor, zwei konkrete
Dinge gemeint. Das Ende des Krieges und der Beginn einer neün Liebe
für Breton, dessen erste Ehe kurz zuvor zu Bruch gegangen war, der
aber neues Glück bei Elisa Caro gefunden hatte. Beides erörterte und
vermengte Breton in dem Buch, wo er das Bild des Sterns in diesem
Sinn ausführlicher deutete:
| Er
besteht aus der Einheit dieser beiden Mysterien selbst: der Liebe,
die aus dem Verlust ihres Gegenstandes wiederauferstehen muss
und die sich erst dadurch zum vollen Bewusstsein ihrer selbst,
zu ihrer ganzen Würde erhebt; der Freiheit, die nur um den Preis
ihres Entzugs ihrer selbst recht inne zu werden und zu wachsen
vermag. |
In Analogie zur
Liebe, die nach einem Verlust wieder neu entstehen könne, sah Breton
hier dem Frieden entgegen, der trotz des Krieges bald greifbar werden
würde. Bretons Anliegen mit dem Buch war es, diesen persönlichen Optimismus
weiterzugeben und die Gestaltung des Friedens vorauszudenken.
Wie so oft bei
Duchamp kann man in den drei von ihm plazierten Gegenständen zahlreiche
Anspielungen aufdecken, die freilich weder augenscheinlich noch zwangsläufig
sind. Die Schreibfeder kann neben dem offensichtlichen Verweis auf
die von Breton in Arkanum 17 als Heilmittel besungene Poesie
beispielsweise Sinnbild für den von ihm gegen Ende des Buches angeführten
"Engel Freiheit" sein, der nach Victor Hugo "geboren
[ist] aus einer weissen Feder, die Luzifer bei seinem Sturz verloren
hat" .
Die Flasche war die Originalvorlage für das von Duchamp angefertigte
Titelbild des Duchamp-Heftes der Zeitschrift View, das im März
1945 erschien und ebenfalls im Schaufenster ausgestellt war. Das Cover
zeigt die von rechts unten nach hinten in die Bildmitte ragende Flasche,
aus deren Öffnung scheinbar Rauch aufsteigt in den Sternenhimmel,
der den Hintergrund des Blattes ausfüllt. Aus einem Bericht darüber,
wie Duchamp diese Collage angefertigt hat, geht hervor, dass das Etikett
aus seinem Livret Militaire, seinem Militärausweis, bestand .
Der Künstler war aus gesundheitlichen Problemen schon nicht in den
Ersten Weltkrieg eingezogen worden .
Eine politische Deutung der Flasche wird noch verstärkt, wenn man
sie in Verhältnis zu Bretons Ausspruch (der Duchamp vielleicht auch
bekannt war), "die traurige Flasche dieser Zeiten aufschütteln"
setzt .
Der entweichende Rauch würde belegen, dass dies gelungen ist, dass
das Ende des Krieges in Reichweite gekommen ist. Bretons Buch bot
erste Gedanken für diese Übergangszeit an. Beide Beigaben, die Feder
und die Flasche konnten folglich politisch gedeutet werden und hätten
damit eines der beiden Themen von Bretons Buch behandelt. Das Tintenfass
in Form eines Seesterns kann als Bretons Stern verstanden werden,
der für Freiheit und für Liebe stand.
Die Schaufensterpuppe
jedoch ist schwerlich politisch zu deuten. Vielmehr wird hier eine
Auslegung analog zu Duchamps Tür für Gradiva vorgeschlagen, nämlich
als Anspielung Duchamps auf Bretons Ansichten zur Liebe, dem zweiten
Thema von Arkanum 17, und spezifischer noch Bretons Verhältnis
zu Frauen. Die Schaufensterpuppe wäre folglich eine Verkörperung von
Bretons Konzept der Frau, jedoch nicht nur der Art von Frau, die in
Bretons Buch eine solch zentrale Rolle spielt, der Kind-Frau, sondern
zugleich eines alternativen Typus Frau. Duchamp kommentierte mit dieser
Figur Bretons Verhältnis zu Frauen, speziell zu seiner ersten Frau
Jacqueline, die sich 1942 von Breton getrennt hatte, um eine Beziehung
zu dem Künstler David Hare einzugehen (den Breton zum Herausgeber
der surrealistischen Exil-Zeitschrift VVV gemacht hatte). Zugleich
kommentierte er Bretons Verhältnis zu Elisa, auf die sich die Liebeserklärungen
in Arkanum 17 bezogen, und die seine zweite Frau werden sollte.
In seiner umfassenden Breton-Biographie hat Mark Polizzotti auf den
grossen charakterlichen Unterschied dieser beiden Frauen hingewiesen.
Er beschrieb Jacqueline als eine Frau, die "ihrer eigenen Bestimmung
zu folgen" beschlossen hatte und die als Künstlerin erfolgreich
werden wollte .
Zu Bretons Ungemach führte sie im New Yorker Exil ein von ihm sehr
unabhängiges - und im Gegensatz zu seinem - ereignisreiches Leben.
Dagegen vergleicht Polizzotti Elisa zu Recht mit der Kind-Frau, die
Breton in Arkanum 17 verherrlichte, war sie doch "verletzbar
und leidenschaftlich, offenkundig ohne die privaten Ambitionen, die
Breton bei seinen anderen Frauen nur so schwer akzeptieren konnte"
.
Breton hatte zwar dafür plädiert, dass angesichts des Krieges Frauen
eine grössere gesellschaftliche Rolle spielen sollten: "Es wäre
an der Zeit, die Ideenwelt der Frau auf Kosten derjenigen des Mannes
in den Vordergrund zu stellen, die heute mit ziemlichem Getöse ihren
Bankrott erlebt," heisst es da scheinbar freimütig an einer Stelle
.
Doch wollte Breton die 'Ideenwelt' der Frau zugleich auf zwei Stimmen
beschränken, "die eine, um liebend das Wort an den Mann zu richten,
die andere, um das ganze Vertrauen des Kindes zu gewinnen" .
Dieses Ideal verkörperte Elisa. Die Beschränkung der Frau, die er
damit vornahm (und auch in seiner Begeisterung für die Geschichte
Gradiva bezeugt hatte), begriff der Autor selbst nicht als
negativ. Duchamp dürfte da anders gedacht haben und dies drückte sich,
so hier das Argument, in der Schaufensterpuppe Lazy Hardware
aus.
Wenn man unter
diesem Aspekt die Schaufensterpuppe in Bezug zu Ernsts Romanfigur
setzte, könnte man in ihr sowohl die Frau sehen, die ihren eigenen
Kopf hat (Femme S'Entête), als auch die kopflose Frau (Femme Sans
Tête). Die Frau mit eigenem Kopf wird in der Puppe symbolisiert durch
den Wasserhahn, der eine Anspielung Duchamps auf Jacqueline war. Der
Trennung von ihr und Breton ging Streit voraus, der unter anderem
von tropfenden Wasserhähnen verursacht wurde. So hatte Breton sich
gegenüber einem Freund beschwert: "Kannst Du Dir vorstellen,
wie einen das in einem Hotelzimmer oder einer winzigen Wohnung irritieren
kann, wenn der andere niemals die Wasserhähne zudreht?" .
Der Wasserhahn hier ist zu, er tropft nicht mehr, und - mit der Definition
von Trägen Eisenwaren -: Jacqueline hört Breton auch
nicht länger zu, denn sie ist gegangen. Die Schürze dagegen steht
für Elisa, die keinen eigenen Kopf hatte, die in der Rolle der ergebenen
Gattin und fürsorglichen Stiefmutter voll aufging. Das Exemplar von
Bretons Buch, das die Puppe in den Händen hält, bezeichnet Breton
als Bezugspunkt für beide Frauen. Breton sind diese Andeutungen des
Freundes, wie bereits bei der Gradiva-Tür, jedoch scheinbar nie zu
Bewusstsein gelangt, was dafür spricht, wie dezent Duchamp seine Kritik
anbrachte, denn Breton war bei beiden Projekten die Person, die sie
am ehesten hätte verstehen können.
Ein weiteres
bemerkenswertes Element dieses Schaufensters war das Plakat, das Matta
eigens dafür angefertigt hatte. Es ist ein merkwürdiger Umstand der
Geschichte, dass, obwohl nicht die Puppe, sondern die weibliche Brust
in Roberto Mattas Bild der Auslöser für erneuten Ärger mit der Auslage
(am zweiten Standort) war, die neuere Forschung eher an der Puppe
als an der nackten Brust in Mattas Bild Anstoss genommen hat .
Das Plakat ist heute nur in einer Schwarz-Weiss Reproduktion zugänglich,
dürfte aber in Analogie zu anderen Werken dieser Zeit durchaus mit
verschiedenen hellen Farben ausgeführt worden sein. Das Hochformat,
das an der linken Seite des Schaufensters des Gotham Bookmart von
der Decke abgehängt worden war, zeigt eine für Matta damals typische
Strichzeichnung, in die etwa mittig Fahnen mit "arcane 17"
und am unteren Ende mit "André Breton" gesetzt sind. Die
Bildhälfte oberhalb von "arcane 17" deutet mit vielen kleinen
Punkten und einem grösseren zackigen Objekt den Sternenhimmel an,
von dem in Bretons Buch die Rede war. Die untere Bildhälfte füllt
ein nacktes Liebespaar, das in einem 'verschlingenden' Kuss ineinander
verflochten ist. Die Köpfe sind insektenhaft auf Öffnungen und Rüssel
reduziert. Dass es die Frau ist, die auf dem Rücken liegt, lässt sich
allein an ihrer Brust ablesen. An dieser Brust machten am zweiten
Standort der Auslage die Sittenwächter der Vice Society in Person
eines gewissen John Sumner ihre Kritik fest. Die Besitzerin von Gotham
Bookmart, Frances Steloff, auf die diese Anekdote zurückgeht, wies
zunächst seine Vorwürfe zurück mit dem Hinweis: "Ich kann dieses
Fenster genauso wenig anrühren, wie ich ein Meisterwerk verändern
könnte. Es wurde von Breton und Duchamp persönlich hergerichtet"
.
Doch Sumner bestand auf einer Änderung. Steloff berichtete über ihr
weiteres Vorgehen:
| An
diesem Abend kam mir die Idee, die 'anstössige' Stelle mit Herrn
Sumners Visitenkarte, die er mir zurückgelassen hatte, abzudecken.
Mit grossen Buchstaben stand das Wort 'Censored' (zensiert) auf
einer Karte darunter. Die Menschenmengen wuchsen dadurch noch
mehr, und die Auslage verblieb eine volle Woche im Fenster. |
Die Photographien
zeigen allerdings keine Karte über der Brust, sondern eine Schürze,
die jener ähnelt, die Schaufensterpuppe trägt .
Eine raffinierte Anspielung auf die engstirnige bürgerliche Moral,
die Kind-Frau symbolisierte, und in deren Dienst sich die Vice Society
gestellt hatte.
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 |
| Abb.
14 |
| Duchamp,
Marcel: Schaufenster für Le Surréalisme et la Peinture
von André Breton, Herbst 1945, Brentano's Fifth Avenue New York,
Photographie. Aus: Arturo Schwarz, The Complete Works of
Marcel Duchamp (3. überarb. und erw. Aufl.), New York 2000,
Nr. 512, S. 782. |
|
Abb.
15 |
Duchamp,
Marcel: Étant Donnés: 1. la chute d'eau / 2. le gaz d'éclairage
(Gegeben Sei: 1. Der Wasserfall / 2. Das Leuchtgas), Innenansicht,
1946-66, mixed media assemblage, Philadelphia Museum of Art. |
|
Abb.
16 |
Cézanne,
Paul: L'Eternel Feminin, 1880-82, Öl/Lw, 43,2x53,3cm,
J. Paul Getty Museum, Los Angeles. |
Das Schaufenster
für Arkanum 17 belegt besonders anschaulich die Vielschichtigkeit
der Auslegungsmöglichkeiten, die Duchamp auch in diesen Werken offeriert.
Es bietet sowohl persönliche, als auch weltanschauliche Anspielungen.
Duchamp äussert sich zum künstlerischen Prozess ebenso wie zur Banalität
von Schaufensterauslagen. Die Rollen von Künstler, Betrachter, Kaufmann
und Kaufendem werden gleichermassen angesprochen wie der in den beiden
Hauptwerken thematisierte Topos der (vermeintlichen) Erotik des Blicks.
Duchamp unterzieht all diese Aspekte derselben Befragung. Das Betrachten
des Schaufensters wird somit zum Betrachten der eigenen Anschauungen,
zur Befragung der eigenen Person.
Ebenfalls 1945
entstand ein weiteres Schaufenster für den Buchladen Brentano's an
der Fifth Avenue (Abb. 14). Das Buch, das es diesmal anzuzeigen
galt, war Bretons Der Surrealismus und die Malerei, das gerade
bei Brentano's eine neue Auflage erhalten hatte. Rechts in der Auslage
standen auf zwei Stufen jeweils eine Plastik von Enrico Donato und
tiefer eine von Duchamp. Beide Paare Fuss-Schuhe gehen auf ein Bildmotiv
von Magritte zurück (Das Rote Modell, 1937), das als Titelbild
des anzuzeigenden Buches gewählt worden war. Während Donatis "Füsse"
Magrittes Motiv ins Dreidimensionale übersetzten, zeigten Duchamps
"Füsse" die Unterseite dieser sich verdinglichenden Glieder.
Thomas Girst hat Duchamps Fuss-Plastik zu Recht als erotisches oder
gar fetischistisches Motivt gedeutet .
Im Zentrum dieses Fensters hing ein Papier-Schleier, der, in der Mitte
fixiert, nach zwei Seiten auseinanderfiel. Unter dem Schleier stand
eine abstrakte Plastik der Bildhauerin Isabelle Waldberg. Durch die
Künstlerin ist überliefert, dass Duchamp der Erfinder dieser Auslage
war .
Girst ist die wichtige Entdeckung zu verdanken, dass es sich bei der
Figur von Waldberg um eine Person handelte, der eine ähnliche Körperhaltung
aufwies wie später jener in Étant Donnés (Abb. 15) .
Vor diesem Ensemble stand ein vorgefertigter Torso aus Maschendraht,
wie er vermutlich häufig in professionellen Friseur- oder Oberbekleidungs-Schaufenstern
verwendet wurde.
Folgt man Girsts Argument und erkennt in der Figur ein
Vorstadium für Etant Donnés, dann fällt auf, dass der Schleier
nur dem Schaufenster, nicht der späteren Installation eigen ist. Es
ist vor allem das Motiv einer lasziv sich darbietenden Frau unter einem
solchen Schleier das nahe legt, verschiedene Werke von Paul Cézanne
könnten hier als Anregung gedient haben. Dessen Gemälde L'Eternel
Féminin (1880-82) weist besonders markante formale Parallelen zu
Duchamps Bildschöpfung auf (Abb. 16)
.
Die Körperhaltung beider Frauen - das angewinkelte rechte Bein und die
weggesteckten Arme - ist durchaus vergleichbar. Der Schleier schaffte
der Frau in beiden Fällen einen Innenraum. In beiden Darstellungen hatte
der fallende Stoff eine trennende Funktion. Er grenzte die Frau vom
Umfeld ab und schaffte somit einen Innenraum, der auch in Anspielung
auf das weibliche Geschlecht auf die intime Seite der Erotik anspielte.
Durch die Abgrenzung betonte er die Frau jedoch auch und transformierte
sie zu einem Objekt der allgemeinen Betrachtung. Damit legte Duchamp
die öffentliche Seite der Erotik offen. Diese Dichotomie von Intimität/
Öffentlichkeit teilen Schaufenster und Erotik. Doch Duchamp ging weiter
und befragte die Zuschauerreaktion. War der Betrachter hier wie bei
Cézanne ein tumber lüsterner Voyeur?
Oder war er wie der Maschendraht-Torso bei Duchamp potentiell ein Jedermann,
der von des Schaufensters Gestaltung oder des Betrachters Phantasie
erst mit Identität bekleidet werden musste (der Scheinwerfer im Schaufenster
strahlt nicht die Figur unter dem Schleier, sondern den Betrachter-Torso
an)? In Duchamps Auslage gab es kein Urteil im Vorhinein. Nicht Darstellung
(Kunst), sondern Handlung (Betrachten, Bekleiden, etc.) ist in diesem
Sinne wertend zu verstehen, wie es das "q.e.d." am Ende von Duchamps
Text zu Schaufenstern nahegelegt hatte. In dieser Auslage werden die
beiden Pole des künstlerischen Prozesses thematisiert, wie Duchamp sie
definiert hatte: der Künstler und der Betrachter .
Letzterer war es, der ein Urteil (verdict) an die Kunst/ Ware herantrug,
doch die Kunst/ Ware würde unabhängig von der Qualität dieses Urteils
bestehen bleiben.
Somit wurde speziell
in diesem Schaufenster die von Duchamp in dem Text von 1913 angesprochene
"Frage der Schaufenster", seine Thematisierung der Moral
von erotischer/kaufender Begierde wieder aufgenommen. Gerade in diesem
Schaufenster veranschaulichte Duchamp noch einmal die Parallelität
von Erotik in der Schaufenster- und in der Kunst-Betrachtung. Nicht
das Objekt der Betrachtung bestimmte die Qualität des Erlebnisses,
sondern das Subjekt. Wie später in Etant Donnés inszenierte
hier Duchamp in bewusst provokanter Weise eine nackte Frau, um den
Betrachter mit sich selbst, seinem Voyeurismus und seinem Begehren
zu konfrontieren. Mit diesem Prozess zeigte der Künstler, dass die
vermeintliche Grenze zwischen Betrachter und Voyeur moralischer nicht
künstlerischer Natur war, dass vom Standpunkt der Kunst eine solche
Grenze nicht so leicht zu bestimmen war. Und dass, wie bei Cézanne
auch, die Eindeutigkeit moralischer Positionen zwischen Betrachter
und Betrachtetem eine Illusion ist. So erübrigte es sich, von Schuld
überhaupt noch zu sprechen, denn wer war hier Täter, wer Opfer? Bereits
Duchamps Zeilen von 1913 hatten beide Rollen in eine Person verlegt.
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 |
| Abb.
17 |
| Duchamp,
Marcel: Schaufenster mit Akt die Treppe Herabsteigend
Nr. 3, 29.1.1960, Bamberger
Department Store, Newark, Photographie, Philadelphia Museum
of Art. Aus: Jennifer Gough-Cooper/ Jacqüs Caumont, Ephemerides
on and about Marcel Duchamp and Rrose Sélavy. 1887-1968,
London 1993, 29.1.1960. |
Ein weiteres
Schaufenster von Marcel Duchamp entstand erst 1960 und trotz seiner
Suggestivität ist es in der Duchamp-Literatur erstaunlicherweise bisher
mit einer Ausnahme unberücksichtigt geblieben (Abb. 17) .
Diesmal war es nicht wie bei Lazy Hardware der Kopf, der dem
Mannequin, oder vielmehr, den fünf Mannequins fehlte, sondern die
Arme. In einem Schaufenster für das Warenhaus Bamberger im New Yorker
Vorort Newark hatte Duchamp alle fünf unbekleideten, armlosen Mannequins
auf Stufen nebeneinander gestellt, so dass es aussah, als stiegen
sie hintereinander diese Treppe herab .
Das Gemälde Akt die Treppe Herabsteigend, auf das dieses Ensemble
anspielte, hing gleich neben der Puppe auf der obersten Stufe. Gemälde
und Puppen standen in einem Wechselverhältnis, das Duchamp als Variation
auf das Thema abstrakte versus figurative Kunst angelegt hatte. Hier
aber dominierte nicht eine der beiden Richtungen, vielmehr stellte
sich in der Nebeneinanderstellung die grundlegendere Frage nach dem
Wesen der Kunst. Wie wir wissen, hatte Duchamp in seinen Ausführungen
zum "Creative Act" (1957) dem Betrachter eine gleichwertige
Bedeutung neben dem Künstler im künstlerischen Schaffensprozess zugeschrieben
.
Übertragen auf eine Auslage im Schaufenster bedeutet dies, dass möglicherweise
ein ähnliches Verhältnis zwischen Käufer und Schaufenstergestalter
besteht.
Im Januar 1960
nahm Marcel Duchamp in dieser Auslage für Robert Lebels gerade erschienene
Duchamp-Monographie Sur Marcel Duchamp (1959) nochmals auf
das Gemälde Bezug, das ihm 1913 bei der Armory Show amerikaweite und
lang anhaltende Berühmtheit als dem Maler von Akt die Treppe Herabsteigend
(1912) eingebracht hatte. Mit diesem Schaufenster adressierte Duchamp
zugleich mehrere Anliegen: Erstens dankte er damit dem Kunsthistoriker
und Freund Robert Lebel, der wiederum mit seiner Monographie den Künstler
ehrte; zweitens setzte sich Duchamp mit dem Akt, seiner amerikanischen
Rezeption und dem daraus entstandenen Mythos auseinander; drittens
stellte diese Auslage mit der Ansammlung wichtiger Dokumente von Duchamps
öffentlichem Werdegang, dem Akt, der Schachspieler-Zeichnung,
dem Rotorelief und dem doppeltbelichteten Portrait, eine Art künstlerischen
Resümees dar; viertens betrafen alle diese Punkte zugleich auch das
Verhältnis zwischen Künstler und Publikum.
Es war angemessen,
dass Duchamp auch für Lebels Buch eine Auslage schuf, hatte dieser
doch, wie gesagt, die drei Schaufenster aus den 1940er Jahren als
eigenständige Werke anerkannt, indem er sie in das Duchamp-Werkverzeichnis
aufgenommen hatte .
Bereits die in den 1940er Jahren entstandenen Schaufenster waren stets
durch Freundschaft, nicht durch monetäre Vergütung motiviert gewesen.
Die räumliche
Nähe der Puppen zum Gemälde sowie das grosse Schild mit dem Hinweis
auf den Titel des Gemäldes warfen die Frage auf, ob nicht auch die
Puppen als Kunst anzusehen seien. Zudem beleuchteten Puppen und Gemälde
einander gegenseitig und stellten somit einen Bezug zum Konkurrenzkampf
abstrakter - figurativer Kunst her. Diese Auslage entblösste diese
Konkurrenz als redundant. Die Nebeneinanderstellung hatte aber auch
den Vorteil, dass Duchamp den Moralisierungen der Ordnungshüter von
Schaufensterauslagen zuvorkam, indem er den dort gezeigten Gegenständen,
den unbekleideten Puppen, zumindest im Rahmen des Schaufensters das
Prädikat "Kunst" verliehen hatte. Gar nicht so subtil amüsierte
sich der Künstler hier, so scheint es, über die oftmals ungelenken
Versuche (nicht nur) seiner Kritiker, Grenzen zwischen hi&low
und zugleich auch zwischen Kunst und Pornographie festzulegen.
Zahllose Male
hatte Duchamp sein Gemälde seit dem Skandal bei der Armory Show 1913
erklären müssen:
| mein
Ziel war eine statische Darstellung von Bewegung, eine statische
Komposition von Verweisen auf verschiedene Positionen, die eine
Form in Bewegung einnehmen kann - ohne die Absicht, einen cineastischen
Effekt durch Malerei zu erreichen. Die Reduzierung eines Kopfes
in Bewegung auf eine einfache Linie erschien mir vertretbar (...)
Daher fühlte ich mich gerechtfertigt, eine Figur in Bewegung auf
eine Linie anstatt auf ein Skelett zu reduzieren. Reduzieren,
reduzieren, reduzieren war mein Gedanke - aber zur gleichen Zeit
war mein Ziel eine Wendung nach Innen anstatt zu Äußerlichkeiten.
|
Im Schaufenster
von 1960 drehte er diese Aussage in ihr Gegenteil: Aus den Linien
wurden ganze Körper, aus der Reduktion wurde Addition, die Wendung
nach innen ersetzte eine Schau der Körper. Und auch der cineastische
Effekt der Malerei, den der Künstler zuvor zurückgewiesen hatte, wurde
hier geradezu heraufbeschworen durch den glamourösen und zugleich
einförmigen Eindruck, den die Puppen trotz Arm- und Haarlosigkeit
machten. Der goldfarbene Rahmen, der nicht nur das Gemälde selbst,
sondern auch die fünf nackten Damen einrahmte, und am unteren Ende
von den Buchauslagen sowie einer Zeichnung, der Studie für das
Portrait der Schachspieler (1911), und einem Rotorelief
überschnitten wurde, verlieh der Auslage musealen und zeitlosen Charakter
.
Das gleich sechsmal wiederholte doppelbelichtete Portrait Duchamps
von Victor Obsatz fügte den Mannequins ein (weiteres) ironisches Moment
hinzu: Die Profile der oberen Aufnahmen schauten den herabsteigenden
Puppen nämlich entgegen, während die jeweilige Frontalaufnahme den
Betrachter verschmitzt anlächelte.
Das Schaufenster
für Bamberger belegt, wie unvermindert spielerisch und zugleich ideenreich
und raffiniert Duchamp mit dem Medium Schaufenster umging. Die Auslage
vermittelte aber auch den Eindruck, dass der Künstler mittels Ironie
eine gewisse Distanz zu dem für seinen Werdegang so bedeutenden Werk
Akt die Treppe Herabsteigend eingenommen hatte. Für diese Auslage
hatte Duchamp aufwendigere und langwierigere Vorbereitungen getroffen
als für jene bei Brentano's und Gotham Bookmart. Er entlieh 1960 eigens
die Schachzeichnung sowie den Akt aus dem Philadelphia Museum
of Art .
Mit diesem Schaufenster, in dem das Schachspiel mit dem Akt
zusammengeführt wurde, thematisierte und resümierte Duchamp diese
beiden Mythen seines Lebens. Das anzuzeigende Werkverzeichnis hatte
sein künstlerisches Werk als Thema für diese Auslage vorgegeben. Duchamp
nutzte die Gelegenheit, sich selbst noch einmal in den Rollen vorzustellen,
in denen die breitere Öffentlichkeit ihn kannte. Wenn das erklärte
Ziel für das Gemälde Akt die Treppe herabsteigend "eine
Wendung nach Innen anstatt zu Äusserlichkeiten" gewesen war,
dann wurden jetzt ostentativ die Äusserlichkeiten vorgeführt, um zu
betonen, dass es sich hier um Rollen handelte. Die Mannequinimitation
war grösser als das Gemälde, von dem sie inspiriert war, wie auch
die skandalträchtige Popularität grösser als die kritische Beachtung
des Gemäldes selbst gewesen war. In dem Schaufenster wirkte vor allem
die Nacktheit der Puppen skandalös, während diese in dem Gemälde nicht
der Stein des Anstosses war, sondern der Malstil, der mit Geometrisierung
und Brechung der Darstellung auffiel.
Schliesslich
können die Puppen auch parallel zu Henry Adams' berühmtem Mannequin
verstanden werden. Der Historiker und Kulturkritiker hatte seine Autobiographie
nach dem Vorbild Rousseaus als einen Lehr-Bericht des Versagens stilisiert
.
Adams wählte die Metapher eines Mannequins, um ein Mass für sein Lebenswerk
finden: die Kleider als eine massgeschneiderte Erziehung, die ein
Zurechtkommen in der Welt des 20. Jahrhunderts ermöglichen würde.
Bei Henry Adams passten die Kleider seiner Erziehung nicht, er beschrieb
sein Leben als Scheitern. Bei Duchamp blieben die Mannequins nackt.
Sie waren wie der Drahttorso im früheren Schaufenster Projektionsflächen
für die Vorstellungen des Betrachters. Diesen Teil des Kunstwerkes
überliess Duchamp als ostentative Veranschaulichung seines in "Creative
Act" geäusserten Credos dem Betrachter.
Aus dem Vorangegangenen
sollte ersichtlich geworden sein, dass Schaufenster Duchamp aus vielerlei
Gründen während seines ganzen Lebens interessierten. Im Gegensatz
zu vielen seiner Kollegen war er zu keinem Zeitpunkt gezwungen gewesen,
Schaufenster für seinen Unterhalt zu gestalten, sondern er hatte diese
Projekte aus Freude an der Herausforderung angenommen. Oft nutzte
er sie für humorvolle persönliche Anspielungen. Beide Hauptwerke,
sowohl das Grosse Glas als auch Etant Donnés sind in
der Rezeption zu Recht mit Schaufenstern verglichen worden. Der Künstler
war fasziniert von der Überlagerung verschiedener räumlicher Ebenen,
die das Schaufenster suggerierte oder auch provozierte. Zudem reizte
ihn, wie bei den Ready-Mades auch, die grosse Nähe von Kunst zu Konsumgütern,
deren Trennung er oftmals als künstlich entlarvte und in Frage stellte.
"Die Frage der Schaufenster" beschränkte sich bei Duchamp
folglich nicht nur auf moralische oder persönliche Aspekte, sondern
erstreckte sich durchaus auf fundamental künstlerische Zusammenhänge.
*Dieser
Artikel geht aus einem Kapitel meiner Dissertation SchaufensterKunst
hervor, die im Herbst 2003 im Böhlau Verlag/ Köln erscheint
(ISBN 341202903-3, ca. € 34,90). Wertvolle Hinweise verdanke
ich Ulrich Rehm, Thomas Girst und Michael Taylor.
Notes
(1)
Cf. Robert Lebel, Sur Marcel Duchamp, Paris 1959, Kat.-Nr.
183, 188 und 189.
(2)
Die erste ernsthafte und ausführliche Auseinandersetzung mit einem
dieser Werke Duchamps seit dem verdienstvollen Artikel von Charles
Stuckey ("Duchamp's Acephalic Symbolism", in: Art in
America, Jan./Feb. 1977, S. 94-99, verdankt sich Thomas Girst
(tout-fait.com, Jan 2002, Jg. 2, Nr. 4, Article, Window Display).
(3)
Zu dem Geschäft des Konfektionärs Gamelin, cf. Thomas Girst "Diese
Objekte obskurer Begierden – Marcel Duchamp und seine Schaufenster",
in: Hollein, Max und Christoph Grunenberg (Hrsg.) Shopping. 100
Jahre Kunst und Konsum (Ausst.-Kat.), Ostfildern: Hatje Cantz,
2002, S. 142-147.
(4)
Marcel Duchamp im Interview mit James Sweeney, 1995, in: James Nelson
(Hg.), Wisdom: Conversations with the Elder Wise Men of
Our Day, New York 1958, S. 89-99, S. 93. Auf Sweeneys Frage: "I
imagine you feel that The Chocol ate Grinder heralded
something in your work, something of that break you have often told
me about?" antwortete Duchamp: "It was really a very important
moment in my life. I had to make great decisions then".
(5)
Duchamp zitiert in: Kynaston McShine und Anne d'Harnoncourt, Marcel
Duchamp (Reprint des Ausst. Kat. von 1973), 1989, S. 272 [(...)
an architectural, dry rendering (...)].
(6)
Duchamp zitiert nach Karin von Maur, "Marcel Duchamp 'Fenêtrier'",
in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen in Baden Württemberg,
18. Jg., 1981, S. 99-104, S. 100: "Statt als Maler angesehen
zu werden, würde ich lieber als Fenstermacher ('Fenêtrier') gelten
wollen".
(7)
Anne d'Harnoncourt und Walter Hopps, Etant Donnés: 1° la chute
d'eau, 2° le gaz d'éclairage. Reflections on a New Work by Marcel
Duchamp (2. Reprint), Philadelphia Museum of Art Bulletin,
Jg. 64, Nr. 299+300, April-Sept. 1969, Philadelphia 1969, S. 31 (Duchamp's
first window is his greatest: The Large Glass is less a picture
than it is a vast window on the constant flux of life around it. Conversely,
the images etched and glued onto its surface can be imagined as projections
of objects in an admittedly extraordinary shop-window case behind
it. Given a shifting environment of passers-by, with their attendant
hopes, fears, and desires, the Glass continually reconstitutes
a brilliant synthesis of the 'outside world' and the inside world
of the imagination).
(8)
Diese Deutung beruht auf Duchamps Vorstellung von der vierten Dimension.
Calvin Tomkins, Duchamp. A Biography, 1996, S. 60, hat sie
treffend wie folgt zusammengefaßt: Duchamps "line of reasoning
was quite simple: since light falling on a three-dimensional object
projected a two-dimensional shadow image, he reasoned, why couldn't
our own, three-dimensional world be seen as the projection of another
reality in four dimensions"?
(9)
Marcel Duchamp, Die Schriften (2 Bde.), Zürich 1981, Bd. 1,
S. 69, (54) ('Schokoladenzerreiber' bei Stauffer ersetzt zwecks Anpassung
an den übrigen Text). Die Streichungen hier wie in den folgenden Zitaten
gehen auf Duchamp zurück. - Signifikanterweise sind Titel und Signatur
des Großen Glases auf der Rückseite der Schokoladenmühle angebracht
worden, was sie nach Duchamp zu Etiketten werden läßt. - Randall K.
Van Schepen, "Duchamp as Pervert", in: Art Criticism,
7. Jg., H. 2, 1992, S. 53-75, S. 65, beläßt es nicht bei der Deutung
der Rotation als Onanie, vielmehr geht seine Interpretation (der die
These zugrunde liegt, Duchamp sei insofern pervers, als er im anal-sadistischen
Entwicklungsstadium seiner Sexualität steckengeblieben sei) dahin,
das Produkt des Reibens sei "closer to feces than to sperm".
(10)
Duchamp, 1981, cf. Anm. 9, Bd. 1, S. 125 (117). Der deutsche Wortlaut
folgt Stauffer, Satz und Interpunktion sind jedoch üblichen Regeln
angeglichen.
(11)
Maur, cf. Anm. 6, ist bemüht, ihre Interpretation auf eine platonische
Ebene zu verschieben. Herbert Molderings, (Marcel Duchamp: Parawissenschaft,
das Ephemere und die Skepsis, Frankfurt 1983), begreift den Text
wie auch die Fenstermotivik bei Duchamp als Meditationen des Künstlers
zum Verhältnis Voyeur-Exhibition und im nächsten Schritt als "Paradigm[en]
für die gesamte Situation zeitgenössischer Kultur" (S. 71). Jerrold
E. Seigel (The Private Worlds of Marcel Duchamp: Desire and Liberation,
and the Self in Modern Culture, Berkeley/ London 1995) argumentiert,
Duchamp "used the image of the shop window to meditate on the
relations of desire and satisfaction that recurred in his work"
(Kap. 6). Eine Interpretation, die beides verbindet, bietet John Golding
(Marcel Duchamp. The Bride Stripped Bare by her Bachelors, Even,
New York 1972): "Like Mallarmé, Duchamp appears to be obsessed
with the idea of the work of art as a symbol or substitute for the
object of love or desire which cannot be touched, for to do so would
break the spell" (S. 53). - Eine Ausnahme von diesen auf Erotik
konzentrierten Ansätzen ist der Aufsatz von Shelley Rice ("'The
Qüstion of Shop Windows...'", in: Lynn Gumpert (Hg.), Art
of the Everyday: The Quotidian in Postwar French Culture, Grey
Art Gallery and Study Center (New York), etc.New York/ London 1997/98),
die - leider ohne weitere Begründung oder Erläuterung - Duchamps Text
mit den Trödelschaufenstern in Verbindung bringt, die Atget vorzugsweise
photographierte, die Aragon in Pariser Landleben und Benjamin
in dem Passagenwerk beschrieben hatte.
(12)
Molderings, cf. Anm. 11, S. 79. Cf. auch Kap. VI und VII, passim.
(13)
Antje von Graevenitz, "Duchamps Tür 'Gradiva'. Eine literarische
Figur und ihr Surrealistenkreis", in: Klaus Beekman und Antje
von Graevenitz (Hg.), Marcel Duchamp (Reihe Avantgarde,
Heft 2), Amsterdam 1989, S. 63-93, bes. S. 69, wo es heißt: "(...)
dass Duchamp Hanolts [sic] Wandlung auf den Betrachter transponieren
will. Die äußere, tatsächliche Passage würde dann mit einer inneren
verbunden, einem 'rite de passage' (...)". Graevenitz' Ansatz
ist leider nicht zuletzt aufgrund sprachlicher Ungenauigkeit anfechtbar.
(14)
Zitiert nach Arturo Schwarz, The Complete Works of Marcel Duchamp
(3. überarb. und erw. Aufl.), New York 2000, S. 742 [(...) she who
sees 'the beauty of tomorrow - still hidden from most people']. Ähnlich
Breton in der Ankündigung, die Galerie solle "die Schönheiten
von morgen [präsentieren], die vor den meisten noch verborgen sind
und auf die wir dann und wann durch die Berührung eines Objektes,
durch das Vorübergehen eines Gemäldes, durch eine Wendung in einem
Buch einen Blick erhaschen" (zitiert bei Mark Polizzotti, Revolution
des Geistes. Das Leben André Bretons (engl. Erstveröff. 1995),
München/ Wien 1996, S. 638).
(15)
Die kräftige Statur der größeren Person könnte, obwohl es damals niemand
aussprach, Breton selbst gemeint haben, der eindrucksvoll groß gewesen
ist. Vielleicht kommentierte Duchamp hier also Bretons eigenes Verhältnis
zur Liebe, zu Frauen. Breton sah in diesen gern die Muse und tolerierte
Selbstständigkeit kaum (zu Bretons Verhältnis zu den von ihm geliebten
Frauen ist aufschlußreich Polizzotti, cf. Anm. 14, Kap. 17).
(16)
Denis de Rougemont zitiert bei Schwarz, cf. Anm. 14, S. 768, Nr. 489
[(...) a ceiling made of open umbrellas hanging by their handles].
Schwarz zitiert ausführlich aus Rougemonts Tagebuch (Journal d'une
époqü, 1926-1946, Paris 1968, S. 526f.) und enthält sich
selbst überraschenderweise einer Deutung des Schaufensters im Sinn
seiner alchemistischen oder psychoanalytischen Theorien.
(17)
Cf. Rougemont in Schwarz, cf. Anm. 14, S. 768, Nr. 489 [(...) all
the women will understand].
(18)
Henri-Pierre Roché, "Erinnerungen an Marcel Duchamp", in:
Lebel, cf. Anm. 1, S. 176.
(19)
Cf. Salvador Dalí, Das Geheime Leben des Salvador Dalí (engl.
Erstveröff. 1942), München 1984, S. 466, wo Dalí stolz von den "von
der Pavillondecke hängende[n] umgestülpte[n] Regenschirme[n]"
berichtete.
(20)
Cf. Polizzotti, cf. Anm. 14, S. 728f., der berichtet, dass Breton
diesen Laden häufig auch in Begleitung von Max Ernst und Claude Lévi-Strauss
aufsuchte.
(21)
Die Ausnahme war ein Schwarzer, der wie Rougemont berichtete, mit
wilden Sprüngen und Rufen auf eine Figur im Schaufenster reagierte
(cf. Schwarz, cf. Anm. 14, S. 768, Nr. 489). Donati behauptet, in
seinen an verschiedenen Punkten anfechtbaren Erinnerungen, es sei
die Heilsarmee (!) gewesen, die sich bei dem Buchladen beschwert habe,
was wenig plausibel klingt (cf. Kim Whinna: "A Friend Fondly
Remembered: Enrico Donati on Marcel Duchamp", in: tout-fait.com,
Dezember 2000, Jg. 1, Nr. 3, Interviews).
(22)
Lebel, cf. Anm. 1, Kat. Nr. 189. Hier die bisher einzige Begründung
für die erzwungene Verlegung. Stuckey (cf. Anm. 2), S. 95 und Anm.
13, behauptet, ohne eine andere Quelle als Lebel zu nennen, die Brust
habe auch hier den Anstoß erregt. Quellengeschichtlich ist der Grund
des Anstoßes am ersten Standort der Auslage ansonsten nicht belegt.
(23)
Stuckey (cf. Anm. 2), S. 99, Anm. 18, gibt eine Liste der Photographien
sowie Stellen, an denen sie bis dahin veröffentlich worden waren.
Stuckey erwähnt jedoch nicht, dass es von der Photographie, in der
Breton sich spiegelt, mindestens zwei Versionen gibt.
(24)
Stuckey, cf. Anm. 2, S. 96 (Perhaps it is foolish to examine such
a short-lived work as Lazy Hardware, an attempt merely to
promote a friend's book).
(25)
Hans Belting: Das Unsichtbare Meisterwerk. Die Modernen Mythen
der Kunst, München 1998, S. 373, Abb. 144. Belting stellte das
Kapitel zu Duchamp anläßlich der Tagung "Marcel Duchamp. Das
Große Glas. Herausforderung für Kunstgeschichte und Philosophische
Ästhetik", Bonn 8.-10.10.1998, vor. Die These, das Schaufenster
mit Lazy Hardware fasse alle Thesen des Großen Glases
zusammen, wurde dort mündlich geäußert und ist in Beltings Buch
selbst nicht zu finden.
(26)
Amelia Jones, Postmodernism and the En-Gendering of Marcel Duchamp,
New York 1994, S. 84, wo Lacans These wie folgt auf die Photographie
bezogen wird: "The gaze makes the subject 'exist' by posing
her or him in relation to an other (...) This photo-graph of Duchamp's
window marks not Duchamp's disseminating authorship but the fact
that he exists only through our desiring 'gazes' as a reflection,
as photo-graphed".
(27)
Werner Spies, Max Ernst - Collagen. Inventar und Widerspruch,
Kunsthalle Tübingen, Kunstmuseum Bern, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
(Düsseldorf), Köln 1988/89, S. 186. 1. La femme cent têtes; 2. La
femme sans tête; 3. La femme s'entête; 4. Femme sang tète.
(28)
Stuckey, cf. Anm. 2, S. 96 [The active role Duchamp gives to the
window (...)].
(29)
Stuckey (cf. Anm. 2) beruft sich auf die Information von Brentano's,
die immerhin von 12 bis 18 Zoll Höhe sprachen. Damit wäre eine Spiegelung
des Betrachterkopfes, so es überhaupt eine gab (Stuckey setzt voraus,
dass die Lichtverhältnisse in beiden Geschäften dieselben waren,
was äußerst unwahrscheinlich ist), günstigstenfalls in Brusthöhe
des Mannequins möglich gewesen.
(30)
Deutsche Fassung nach Molderings, cf. Anm. 11, S. 71. Duchamp zitiert
in: André Breton, Anthologie de l'Humour Noir, Paris 1940,
S. 233. - Molderings, cf. Anm. 11, S. 71, hebt Duchamps Betonung
des "reziproke[n] Verhältnis[esses] der Wahrnehmung" hervor.
(31)
Donati behauptet fälschlicherweise, "piss flowed through a
faucet attachted to her upper thigh", was von keinem anderen
Zeitzeugen oder den Photographien belegt wird (Enrico Donati im
Interview mit Kim Whinna, tout-fait, cf. Anm. 21).
(32)
Stuckeys Spekulationen zum Ursprung des Wasserhahns und der Schürze
gehören zu den Schwachstellen seines Aufsatzes (cf. Stuckey, cf.
Anm. 2, S. 96f.). Daher wird hier nicht näher darauf eingegangen.
(33)
Craig Adcock, "Duchamp's Eroticism: A Mathematical Analysis",
in: Rudolf E. Künzli und Francis M. Naumann (Hg.), Marcel Duchamp:
Artist of the Century, Cambridge/ London 1989, S. 149-167, S.
163, wo es heißt: "The faucet on the mannequin is an obvious
phallic symbol and transforms the female figure into a male (...)".
Schwarz, cf. Anm. 14, S. 227, kommt ganz ähnlich zu dem Schluß,
dass der Wasserhahn die Puppe zum Hermaphroditen werden läßt. Zudem
interpretiert er die Kopflosigkeit als Kastration. - Enrico Donati
will sich erinnern, dass bei Brentano's "piss flowed through
a faucet", was recht unwahrscheinlich ist (cf. Anm. 21).
(34)
Abgebildet bei Adcock, cf. Anm. 33, S. 164. Bei Schwarz, cf. Anm.
14, S. 840, Nr. 606.
(35)
[Marcel Duchamp], "The Richard Mutt Case", in: The
Blind Man, abgedruckt in: Tomkins, cf. Anm. 8, S. 185 (It is
a fixture that you see every day in plumbers' show windows).
(36)
Cf. Polizzotti, cf. Anm. 14, S. 760.
(37)
André Breton, Arkanum 17 (franz. Erstveröff. 1944), München
1993, S. 110. Ausführliche Deutungen der Karte auf den S. 70, 84
und 110ff. Ein informativer Kommentar bei Bernd Mattheus, "Ein
neün Mythos", in: Ibid., S. 149-191, bes. S. 151-157.
(38)
Ibid., S. 112.
(39)
Ibid., S. 112.
(40)
Cf. Peter Lindamood, "I Cover the Cover", in: View,
März 1945, zitiert nach: Charles Henri Ford, View. Parade of
the Avant-Garde. An Anthology of View Magazine (1940-1947),
New York 1992, S. 119f.
(41)
Cf. Tomkins, cf. Anm. 14, S. 140.
(42)
Breton in einem Brief an seinen Freund Péret, zitiert in: Polizzotti,
cf. Anm. 14, S. 733. Breton hatte etwas blauäugig die Hoffnung geäußert,
dass sein 1942 erschienenes drittes surrealistisches Manifest diese
Wirkung erzielen würde.
(43)
Polizzotti, cf. Anm. 14, S. 757.
(44)
Ibid., S. 758. Polizzotti beschreibt auch, dass Elisas Phlegma von
manchen Freunde als unerträglich empfunden wurde.
(45)
Breton, cf. Anm. 37, S. 60.
(46)
Ibid., S. 59. Wenn Bernd Mattheus ("Ein neuer Mythos?",
in: Breton, cf. Anm. 37, S. 149-191) in seinem Aufsatz daher zu
dem Schluß kommt, "André Bretons 'Feminismus' dürfte nicht
nach dem Geschmack der Feministinnen sein" (S. 169), so ist
das eine starke Untertreibung. Breton, so scharfsinnig er auch in
anderen Aspekten war, erlag genau in diesem Punkt dem"Undurchsichtigen",
das er im selben Buch als den "große[n] Feind des Menschen"
(ibid., S. 36) bezeichnet hatte. Gemeint waren Vorurteile, die den
Blick auf die Menschen oder Dinge dahinter verstellten.
(47)
Polizzotti, cf. Anm. 14, S. 738, zitiert Thirion, dem Breton sein
Leid klagte.
(48)
Amelia Jones spricht von der Puppe als "blatantly abused"
(Jones, cf. Anm. 26, S. 84).
(49)
Frances Steloff, "In Touch with Genius", in: Journal
of Modern Literature, 4. Jg., April 1975, o.S., S. 771 (I can
no more disturb that window than I could alter a masterpiece. It
was arranged by Breton and Duchamp themselves). Der Bericht in ähnlicher
Fassung auch in: W.G. Rogers, Wise Men Fisch Here. The
Story of Frances Steloff and the Gotham Book Mart, New York
1965, S. 155f.
(50)
Steloff, cf. Anm. 49, S. 770 (That evening I conceived the idea
of covering the 'objectionable' spot with Mr. Sumner's personal
card which he had left with me, and in large letters on a card beneath
it the single word, 'CENSORED.' This drew larger crowds than before,
and the display remained in the window a full week).
(51)
Merkwürdigerweise hat sich bisher kein Kunsthistoriker die Mühe
gemacht, die Anekdote mit der Photographie zu vergleichen und diesen
Unterschied zu bemerken (cf. Abb. in: McShine/D'Harnoncourt, cf.
Anm. 5, S. 137).
(52)
Thomas Girst: "Marcel Duchamp's Window Display for Breton's
Le Surréalisme et la Peinture (1945)", tout-fait, cf.
Anm. 2.
(53)
Cf. einen Brief von ihr an ihren Mann Patrick Waldberg, datiert
10.11.1945 (zitiert bei Thomas Girst, tout-fait cf. Anm. 2).
(54)
Nur bei Donati findet man den Hinweis, die Figur sei ein Ready-Made
gewesen. Donati schreibt ihre Beschaffung jedoch nicht Waldberg,
sondern Duchamp selbst zu (so Donati gegenüber Kim Whinna, tout-fait,
cf. Anm. 21).
(55)
Das Schleiermotiv findet sich bei Cézanne, jedoch nicht mit solch
großer formaler Übereinstimmung zu Duchamps Schaufenster, auch bei
Versionen der Badende, cf. Badende vor einem Zelt, Staatsgalerie
Stuttgart. Überlegenswert ist auch, ob nicht der Torso aus Maschendraht,
besonders aufgrund der duttartigen Ausformung auf dem Kopf, gewisse
formale Parallelen mit Portraits der Madame Cézanne teilt.
(56)
Benjamin Harvey ("Cézanne and Zola: " Reassessment of
L'Eternel Fémin", in: Burlington Magazine, Jg.
140, Mai 1998, S. 312-318) unterstreicht die negative Konnotation
von Cézannes Zuschaürn in L'Eternel Féminin, wenn er den
Bezug dieses Gemäldes zu Emile Zolas Roman Nana herstellt.
Harvey identifiziert die einzelnen Personen im Gemälde mit bestimmten
Charakteren des Romans, die alle, gleich welchen sozialen Standes,
der Prostituierten verfallen sind. Zola befindet sich im Vergleich
zu Duchamp offensichtlich am anderen Ende des Bemühens, das Verhalten
des Betrachters der Erotik moralisch zu werten.
(57)
Cf. Marcel Duchamp, "The Creative Act", Vortrag Houston
1957, abgedruckt z.B. bei Tomkins, cf. Anm. 14, S. 509f.
(58)
Hinweis und Abbildung finden sich bei Jennifer Gough-Cooper und
Jacques Caumont, Ephemerides on and about Marcel Duchamp and
Rrose Sélavy. 1887-1968, London 1993, 29.1.1960.
(59)
Das Warenhaus Bamberger konnte auf eine lange Geschichte der Kunstförderung
zurückblicken, denn nicht der Gründer hatte das Kapitel für den
Bau des örtlichen Museums finanziert und lange eine enge Freundschaft
mit John Cotton Dana, dem Museumsleiter und Pionier der amerikanischen
Museumswissenschaft, gepflegt.
(60)
Cf. Anm. 57.
(61)
Cf. Lebel, cf. Anm. 1, Kat.-Nr. 183, 188 und 189.
(62)
Duchamp in einem Interview mit James Johnson Sweeney, 1946, zitiert
bei Tomkins, cf. Anm. 14, S. 79 [My aim was a static representation
of movement, a static composition of indications of various positions
taken by a form in movement - with no attempt to give cinema effects
through painting. The reduction of the head in movement to a bare
line seemed to me defensible (...) Therefore I felt justified in
reducing a figure in movement to a line rather than to a skeleton.
Reduce, reduce, reduce was my thought - but at the same time my
aim was turning inward, rather than toward externals].
(63)
Die Zeichnung wird bei Schwarz, cf. Anm. 14, unter der Kat.-Nr.
223 geführt. Das Archiv des Philadelphia Museum of Art belegt, dass
Duchamp den Akt die Treppe Herabsteigend Nr. 3 (1916) für
dieses Schaufenster ausgeliehen hat. Bei Gough-Cooper/ Caumont,
cf. Anm. 58, der Hinweis, dass Duchamp die Zeichnung der Schachspieler
ebenfalls dort ausgeliehen hatte.
(64)
Cf. Cooper/ Caumont, Anm. 58, 29.1.1960.
(65)
Cf. Henry Adams, The Education of Henry Adams, in: ders.,
Novels, Mont Saint Michel, the education, The Library of
America, Bd. 14, S. 716-1192, bes. S. 721f. - Der Vergleich Duchamp
- Adams liegt auch aus verschiedenen anderen Gründen (etwa dem gemeinsamen
Interesse an Maschinen- und Jungfrauenmetaphorik) nahe. Erste durchaus
erweiterbare Überlegungen hat Dikran Tashjian geleistet: "Henry
Adams and Marcel Duchamp: Liminal Views of the Dynamo and the Virgin",
in: The Arts, vol. 51, May 1977, S. 102-107.
Figs. 2-7, 10-12
©2003 Succession Marcel Duchamp, ARS, N.Y./ADAGP, Paris.
All rights reserved.
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